Sozialer Exhibitionismus
“Wer nichts zu verbergen hat, ist langweilig!”
“Wer nichts zu erzählen hat, ist noch langweiliger!”
Wer meinen Namen in den Google-Browser hämmert, findet inzwischen eine ganze Menge – in dieser Sekunde sind es “ungefähr” 1170 Ergebnisse. Vorweg die Stalking-Seiten Yasni und 123People, dann ein paar Links zu meiner Studie, zum Radio – und wer ganz tief gräbt, findet sicher auch irgendwo Podcasts meiner Vorstimmbruchzeit. Wenn ich stattdessen den Namen von meiner verstorbenen Großmutter google, finde ich garnichts – und darüber möchte ich mich jetzt mal gedanklich austoben:
Wenn ich mich bei muckeligen Abenden im Portugiesenviertel oder auf dem Beifahrersitz einer Mitfahrgelegenheit mal wieder für meine Selbstinszenierung im Web rechtfertigen muss, gehen die Argumente von der Privatsphäre über die soziale Verantwortung bis zum Bewerbungsgespräch. Oft werden die Gespräche aufbrausend – Er oder Sie verharrt mit verschränkten Armen und Schmollblick über dem Solidaritätsgetränk und sagt: Ich WILL das aber nicht. Die Tatsache aber, dass der Großteil will, bringe sie in Zugzwang. NIEMAND muss, jeder kann (zumindest in diesem Land).

Ich muss diesen Begriff “Privatsphäre” sowieso mal neu für mich definieren. Viele argumentieren richtig, dass sie ihre Daten im Netz nicht preisgeben möchten. Sei es der Finanzdienstleister AWD, die Telekom oder zuletzt das StudiVZ, dessen Datenskandal sogar ein Menschenleben forderte – überall wird ein Riesen Wind wegen Geburtstagen, Kaufverhalten, Telefonnummern und Bankleitzahlen gemacht. Das soll auch gerne so bleiben. Aber ich zucke dabei – vielleicht viel zu naiv – mit den Schultern und frage mich: warum?
Sollen die Marktforschungsunternehmen doch die Wirtschaft ankurbeln und Summe X für meinen Datensatz bezahlen! Soll mich die liebe 400€-Kraft doch anrufen und versuchen, mir die BUNTE zu verkaufen! Soll mir die Welt doch zum Geburtstag gratulieren und mir beim Aufruf meines Internet-Browsers neue Lektüre oder Unterhosen empfehlen! Eines kann mir niemand nehmen: meine Entscheidungsfreiheit. Ein interessanter Einwand der eben erwähnten Mitfahrgelegenheit war, dass ich diese bislang richtigen Entscheidungen nicht von jedem Bundesbürger erwarten könne. Jede Freigabe von Informationen sei für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft (ich nehme an, er meinte kulturell) gleichermaßen Spielfeld für Manipulation, für Beeinflussung, verbesserte er sich. Na gut. Dem kann ich mich aber auch nicht entziehen, wenn ich offline bleibe. Wenn ich aus der Manipulation ein “Lenken-Lassen” mache und stets Herr meiner Entscheidungsfindung bleibe, finde ich die Datenfreigabe legitim, manchmal sogar angenehm.
Jetzt zur anderen Seite der Medaille: In den Social Media schenke ich der Gesellschaft eine Menge. Ich teile mein Interesse für Musik, berichte von sehenswerten Orten, tollen Menschen und warne vor schlimmen Verbrechen. Dabei überlasse ich jedem, ob er meine Geschenke annimmt, oder nicht. Natürlich versuche ich, die Inhalte, die einen Bezug zu mir herstellen, gewissenhaft zu prüfen. Und nein, auch trotz meiner Entscheidungsfreiheit kann ich nicht immer verhindern, auf einem Foto verlinkt zu werden oder mich in einem Bewerbungsgespräch für eine These zu rechtfertigen, die ich in irgendeiner Studienarbeit aus dem Anno Schnupftabak formuliert habe. Aber ich muss mich auch nicht rechtfertigen. Ich sehe diese Informationen vielmehr als Zeitzeugen. Natürlich beweisen sie bis zur persönlichen Gegenüberstellung nicht, dass sie aus meinem geistigen Saft entstanden sind und nicht Teil eines fiktiven, virtuellen Ichs sind, das irgendein Vorstadtheld mit Geltungsdrang zu verantworten hat. Und wenn irgendein Arbeitgeber sagt: “Herr Brenneisen – ihr Auftritt widerspricht unserem unternehmerischen Verständnis von Verantwortung” – dann sage ich: schade, wieder kein passendes Unternehmen.
Trotzdem muss ich hier ein Geständnis machen. Es gibt tatsächlich ein, zwei, vielleicht auch 15 Personen, von denen ich nicht möchte, dass sie wissen, wo ich mich aufhalte, wen ich treffe und wie ich empfinde. Aber dieses Unbehagen wird durch die vielen Geschenke relativiert, die ich anderen Personen machen kann und durch die Chancen kompensiert, die mir die Social Media bieten.
Meine Großmutter war eine wundervolle Frau – viel zu gerne würde ich heute Internetseiten nach ihren Meilensteinen durchsuchen. Schrieb ich “heute”? Vielleicht ja noch in 1000 Jahren.
Picture: via photocase.com | © Nanduu








5 Comments
[...] This post was mentioned on Twitter by Sachar Kriwoj, Malte Brenneisen. Malte Brenneisen said: RT @sachark: Lesenswert. "Eines kann mir niemand nehmen: meine Entscheidungsfreiheit." http://bit.ly/7b70Gz #SocialMedia [...]
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This post was mentioned on Twitter by sachark: Lesenswert: “Eines kann mir niemand nehmen: meine Entscheidungsfreiheit.” http://bit.ly/7b70Gz...
“In den Social Media schenke ich der Gesellschaft eine Menge. Ich teile mein Interesse [...]” für mich der interessanteste, ehrlichste und überzeugendste Aspekt innerhalb dieser Auseinandersetzung. Als Kritiker würde ich bei diesem Argument meine verschränkten Arme ein Stück weit lösen.
“Jeder kann, niemand muss.” Genauso ist es. Wer um seine persönliche Datensicherheit fürchtet, muss sich nicht in Social Media Raum bewegen, muss auch keine Kreditkarten benutzen, nicht an Preisausschreiben oder Bonusaktionen teilnehmen und so fort. Ich halte es allerdings schon für wichtig, dass man sich seines Tuns bewußt ist. Jedes Datum, das ich hergebe, kann eventuell zu meinem Schaden benutzt werden – Preis der Freiheit.
Die Sache mit den Bewerbungsgesprächen halte ich für überzogen. Natürlich gibt es Personalchefs, die Bewerber ablehen, wenn sie ein paar Partyfotos im Web finden. Aber was halten Personaler von Leuten, über die sie gar nichts finden?
Letztlich finde ich, das die Vorteile der Social Media ihre Risiken weit übertreffen.
Dazu bitte auch unbedingt einen Blick auf den CARTA-Artikel zum Thema Vorratsdatenspeicherung werfen:
http://bit.ly/7ONVM4