Zwei Dinge, die sich nicht vertragen: Alkohol und Ebay. Und ein bisschen war auch Hamburg Schuld an meinem ersten Bullikauf, stehen doch in jeder zweiten Straße die VW-Transporter mit gepackter Surfmontur auf dem Dach. So einen wollte ich auch. Mitsamt dem dazugehörigen Traumpaket: einer Handtasche mit Sprühöl, Bremsenreiniger und Zündkerzen für romantische Zweisamkeit. Der Bulli und ich. Es musste ein Oldtimer sein, besonders kultig sollte er aussehen, mit einem großen VW-Emblem auf der Front und dem ach so schön blubbernden Boxermotor im Heck. Ich kannte den Online- Markt, jedes neue Inserat quer über alle Automarktplätze. Und dass die alten Transporter begehrt waren, lernte ich schnell. Bis zu 5000 Euro wurde für rostige Blechhaufen mit Guckloch im Boden verlangt und bezahlt. Natürlich nur für Originale, kaum geschweißt, am besten mit Campingausbau des Traditions-Ausstatters Westfalia. Dann tauchte da dieser Bus bei Ebay auf und genügte natürlich sofort all meinen Ansprüchen: Standort Kassel, 3500 Euro Sofortkaufpreis für einen 1972er Bus mit einem Wohnmobilausbau.Laufleistung und Anzahl der Vorbesitzer unbekannt, seit zwei Jahren abgemeldet. Zwar kein Original, aber – meine Güte – funkelte der auf den Bildern! Genau das Richtige für mich.

Ein kurzer Anruf beim Verkäufer, selbständiger Eismann und Oldtimersammler, dann klickte ich auf den Kaufen-Button. „Herzlichen Glückwunsch, jetzt gehört der Artikel Ihnen!“. Mein erster Bus. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Kurz vor Bielefeld war die Überführungsfahrt vorbei. Irgendwas war mit dem Vergaser. Der Abschleppdienst brachte uns in eine Werkstatt. In Hamburg angekommen, war meine Geldbörse leer und eine Zulassung in unendlich weite Ferne gerückt. Fast täglich entdeckte ich eine neue Lackschicht oder ein Loch, durch das es pfiff und keuchte. Die Monate des Stillstands überbrückte ich mit Frühstücken und Grillen in und um „Kotten 1“, so der Name meiner Bulli-Leiche. Als Kotten bezeichnet man in meiner Heimat alte Fachwerkhäuser – und so eins wollte ich auch. Aber die gab es nicht bei Ebay. Die Mängelliste beim TÜV bedeutete das Todesurteil für mein erstes Projekt. Ich verkaufte „Kotten 1“ für ein kleines Geld an einen Schrauber, der bei der Besichtigung mit nur einem Handgriff den Wackelkontakt am Blinker reparierte.

Ab jetzt wollte ich alles besser machen. Bücher kaufen und Werkzeug, die Geschichte der Transporter studieren und parallel auf einen guten und vor allem originalen Westfalia-Bulli sparen. Knapp 20000 Euro zahlt man für einen perfekten T2-Oldtimer. Die ersten T1-Busse werden schon für 100000 Euro verkauft. Tendenz steigend, eine richtige Wertanlage also. Eine gute Basis zum Restaurieren würde mir schon reichen, dachte ich. Durch den Stress mit Kotten 1 hatte ich erste Kontakte in die Schraubergemeinschaft aufgebaut. Man empfahl mir, mich in einem dieser Online-Foren anzumelden und leise mitzulesen. Das Forum von bulli.org wurde zu meiner Nachtlektüre. Betrieben wird es von der Interessengemeinschaft T2 in Krefeld. Hier tummeln sich die schrägsten Vögel und die größten Visionäre. Ich war sofort fasziniert, mit wie viel Liebe und Hingabe hier Bau- und Reparaturanleitungen geschrieben, heiße Käufertipps verschenkt und Neuigkeiten diskutiert wurden. Ich, zusammen an einem Tisch mit Herren (und sogar Damen), die seit der Geburtsstunde des ersten Bullis dabei sind und ihr ganzes Wissen teilen. Hier sollte ich ihn finden, meinen „Kotten 2“.

Einer der Bulliweisen ist Wolfgang, 63, aus München. Er hat mit seinem umgebauten Abenteuer-Bulli schon unzählige Länder durchstreift. Seit 1993 steht sein T2 im namibischen Windhoek im Schiffscontainer einer Spedition. Der TÜV-Stempel auf dem Münchener Kennzeichen ist längst verblichen. Jährlich fliegt Wolfgang seitdem mit gepackten Koffern für ein paar Monate nach Afrika. „Im September müssen wir es spätestens zur Daisy-Blüte ins Namaqualand an der Grenze zu Südafrika geschafft haben – kurz darauf kommen die Wale“, sagt er mit Blick auf seine Pläne für 2012. Ersatzmotor per Schiff vorausschicken, neues Getriebe im Fluggepäck mitnehmen und vor Ort die Nächte zwischen Löwen, dem Kilimanjaro oder ugandischen Münchenfans verbringen – wenn Wolfgang im Forum von seinen Erlebnissen berichtet, lese ich demütig mit. Er lernte als 16jähriger Werkzeugbau im VW-Werk Hannover, studierte danach Maschinenbau und ging schließlich zu Siemens nach München. Seit 1978 ist er Erstbesitzer des marino-gelben Busses, den er – beispielsweise zur Wiedererkennung durch Grenzbeamte in Zimbabwe – mit einem Regenbogenmuster verziert hat. Ein Mann, ein Bus. Ich glaube, ich will nach Marokko.

Allein durch das Mitlesen lernte ich im Forum verschiede Busfahrertypen kennen. Da gibt es Bus-Onkel wie Klaus, die jede Schraube jeder Modellvariante kennen und stets mit erhobenem Zeigefinger argumentieren. Da gibt es auch Jäger und Sammler wie Thorsten, die an über 50 meist halbfertigen Bullis schrauben. Und da gibt es die jungen Wilden, die lieber einen Monat Toastbrot essen, als mit rostigem Schweller zu reisen. Sie alle verbindet eine Leidenschaft für die zweite Volkswagen-Busgeneration (1967-1979), von der rund 2,5 Mio. Exemplare verkauft wurden. Kitschig, wie das Leben manchmal ist: Als der Anruf kam, puhlte ich gerade einen Zettel aus einem Glückskeks. „Du wirst bald etwas bekommen, das du dir schon immer gewünscht hast“, stand da drauf. Vielleicht war das die Bulli-Magie: „Moin! Uwe hat einen T2 Westfalia in Pastellweiß auf den Hof bekommen, ich habe den Daumen drauf“, sang mir Merten ins Ohr – noch so ein junger Wilder aus der Szene. Wenige Tage später war ich auf Uwes Hof in der Nähe von Itzehoe. In der riesigen Halle standen drei Schlachtbusse, Unmengen an Regalen vollgestopft mit Ersatzteilen, es roch nach Getriebeöl.

Uwe hat selbst einen T2-Westfalia, einen Ovali-Käfer von 1956 und sogar zwei T1-Busse – die Championsleague der Bulli-Sammler also. Gemeinsam fuhren wir zu seiner zweiten Halle. Hinter der schweren Eisentür stand er. Ohne Motor, vollgeschmiert mit betongrauer Patina, einigen Durchrostungen und etwa 10 Aufklebern auf der Hecklappe. „Treffpunkt Tanzstudio Prasse“ oder „Ich bin scharf“ hafteten auf der Tür, deren rostige Oberfläche schon knisterte, wenn man sie nur anfasste. Aber ein Original mit überschaubaren Baustellen. Das Schönste an alten Autos ist ja, dass man mit gesundem Menschenverstand und viel Geduld fast jedes Problem selbst beheben kann. Einige Bedenkzeit später war ich wild entschlossen, mich dieser Aufgabe zu widmen. Dann durfte ich noch einmal durch Uwes Ersatzteillager fegen, eine neue Beifahrertür, Heckklappe, sowie einen Motor und neue Bremstechnik einsacken – und statt eines Kauf-Buttons Uwes raue Werkstatthand drücken. Jetzt sehe ich mich schon am Hafen von Hamburg stehen, die Queen Mary fährt vorbei und dahinter ein großes Containerschiff unter südafrikanischer Flagge. Aus einem Container auf dem Deck lugt mein „Kotten 2“ heraus. Von Kapstadt aus möchte ich dann durch die Wüste Namib, die afrikanische Westküste hoch bis nach Marokko – aber nur mit meiner Männerhandtasche, in der statt Pannenhilfe-Clubkarte jetzt die Telefonnummern von Wolfgang, Uwe oder Merten liegen. Und auch wenn es in den vergangenen Wochen doch nur bis nach St. Peter Ording und nach Scheeßel gereicht hat – überall winken und lächeln die Leute, sicher fühlen auch sie die Bulli-Magie.

Journal der Autostadt | 11.2012
Fotos: Kolja Schoepe