Das Berliner Schoko-Startup Chocri ist raus aus den Kinderschuhen. Aus dem kleinen Gründer-Büro mit einer gebrauchten Rührmaschine von Ebay ist eine stattliche Fabrik mit 20 Vollzeitkräften auf 1500 Metern Produktionsfläche geworden. Noch in diesem Jahr erwarten die Gründer Michael Bruck und Franz Duge den Break Even.

Die Hallen der Schokoladenfertigung liegen heute in Berlin eastside, dem größten Gewerbe- und Industriegebiet der Hauptstadt. Dicht an dicht reihen sich hier die sandfarbenen Backsteingebäude der Gewerbesiedlung auf. Unter dem Dach von Block M befinden sich die geräumigen Büros von Chocri. Über einen Bildschirm im Foyer laufen die Bestellungen in Echtzeit. Gerade poppt Auftrag Nummer 2000 an diesem Tag auf. Bruck klatscht in die Hände. „Conversions, Besucher und verlinkte Seiten sagen unseren Mitarbeitern nichts. Bei Umsatz weiß jeder, wenn der hoch geht, ists gut. Umsatz gleich Stückzahl“. Der 25 Jährige Lehramt-Teilszeitstudent ist als einer der zwei Geschäftsführer für die Bereiche Produktion und Entwicklung verantwortlich und führt heute durch sein Unternehmen.

Chocri fertigt Schokolade on Demand, also nach Kundenwunsch bestreute Schokoladentafeln. Den Schokorohling aus Vollmilch, Zartbitter oder weißer Schokolade können Gaumenexperten mittels Online-Konfigurator mit bis zu fünf der über 90 Sorten Früchte, Gewürze oder Dekorationen belegen: Weiße Schokolade bestreut mit Papayawürfeln und Hanfblättern, Vollmilch mit kandierten Fliederblüten und Goldstaub oder Zartbitter mit Wasabinüssen, Chilli und Orangenpfeffer.  Aus den Online-Schokobaukasten ergeben sich fast 16 Milliarden mögliche Rezepte, die vom Kunden online arangiert- und von Chocri aus fair gehandelten Rohstoffen, CO2-neutral zusammengestellt werden. Jede Kreation wird individuell benannt, nach der Bestellung frisch produziert und dann binnen drei Tagen geliefert – so das Chocri-Versprechen. Die Hauptzielgruppe verschenkt die selbst kreierten Schokopizzen. Darüber hinaus machen Bruck und Duge auch Fertigschokolade für den Einzelhandel. Die Süßwarenhändler können eigene Sortimente konzipieren und dafür Verpackung und Namen selbst anpassen.

Den Streuer mit dem Gold und Silber lagert der Produktionsleiter im Safe

Im Erdgeschoss dröhnt die Frischluftanlage der Produktionshalle. Nebenbei dudelt Musik aus dem Radio, es läuft „I just can’t get enough“ von den Black Eyed Peas. Produktionsleiter Klaus Skutsch hat heute 11 Mitarbeiter für die Frühschicht eingeteilt: Eine Schichtleiterin, sieben in der Produktion, weitere zwei in der Verpackung und einen Mann beim Versand. Auf dem Hallenboden sind Laufrouten eingezeichnet, die gestrichelte rote Linie bremst die Mitarbeiter. Darüber darf nur, wer den Hygienestandards entspricht: Schürzen in verschiedenen Farben unterscheiden die bis zu 50 Schichtarbeiter voneinander, dazu grüne Hauben, sterile Handschuhe und Schuhhüllen. Glas und Keramik sind verboten. „Das hat uns alles Ritter Sport beigebracht“, sagt Bruck. Jede Zutat im Regal ist minutiös beschriftet. Nur die Streuer mit dem Gold und Silber lagert Produktionsleiter Skutsch in seinem Safe. „Gleich neben dem Urlaubsplan und dem Schnaps für unser neustes Produkt – die Pralinen“, flüstert Bruck während er durch die Gänge schreitet.

Im Herbst 2010 investierte Schoko-Altmeister Alfred Theodor Ritter über eine Millionen Euro in das Startup und übernahm ein Drittel der Anteile – aus Überzeugung – weiß Konzernsprecher Thomes Seeger: „Herr Ritter hatte schon immer einen Faible für jungen Unternehmergeist. Das Traditionshaus ist ein Volumenhersteller für den Handel. Chocri produziert hingegen handgemachte Schokolade direkt für den Endkunden. Seit dem Zusammenschluss lernen beide Seiten voneinander.“

Bruck erinnert sich, dass sich während der Investorensuche auch die Risikokapitalgeber Holzbrinck und Tengelmann für sein Startup interessierten: „Vielleicht hätten die uns noch mehr Geld geboten. Dafür aber lange nicht das Know How aus 100 Jahren Schokoladenfertigung.“ Mit dem Ritter-Geld mauserte sich das Startup zum Unternehmen: Für rund 700.000 Euro wurden die Prozesse in der Produktion und der IT optimiert, sowie ein detailiertes Controlling eingeführt. Regelmäßig schaut eine Ritter-Konditorin zur Produktentwicklung vorbei. Die Chocri-Chefs halfen dafür beim Aufbau des Ritter-Onlineshops und wickeln heute den Versand für dessen Einzelkunden ab.

Mit einem Import-Export-Handel bei Ebay zur ersten Millionen

In Sachen Versandhandel wissen Bruck und Duge, die sich schon seit der fünften Klasse kennen, bestens bescheid. Mit einem Import-Export-Handel bei Ebay machten Sie nach dem Abitur ihre erste Millionen Euro Umsatz.

„Eigentlich fing alles mit diesem Mülleimer an“, sagt Bruck und zeigt auf den großen Alueimer gleich neben dem Hundekorb für Dackeldame Tapsi an seinem Schreibtisch. Duge, damals Schulkamerad in der elften Klasse, suchte nach einem neuen Abfalleimer bei Ebay. Es musste unbedingt ein Designerstück der Marke Wesco sein: „Sein Taschengeld vom Zeitungen austragen reichte nicht für den Eimer. Deshalb wurden meine Ebay-Suchskills bemüht.“ erinnert sich Bruck. Auf den internationalen Seiten des Online-Auktionshauses verglich er anschließend Preise, berechnete Zollgebühren und Versand – mit dem Ergebnis, dass in England rund 100 Wesco-Eimer pro Woche für das Doppelte versteigert wurden. Damit fiel der Startschuss für die Entrepreneurship-Karriere.

Der Keller der Eltern wurde zum Wecso-Mülleimerdepot umgebaut, bis genug Geld für eine Garage und schließlich für eine Halle da war. Das Sortiment wurde schnell um andere Haushaltsprodukte und Elektroartikel erweitert. „Dann entdeckten wir in England unseren Verkaufsschlager – einen Schokobrunnen. Die Deutschen waren verrückt danach.“ Bruck, heute in Jeans und mit blauem Poloshirt und Schal, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und lehnt sich zurück: „Anfangs haben wir die ausländischen Netzstecker noch per Hand ausgetauscht. Das konnte ich zum Schluss in unter fünf Sekunden“. Bald darauf bestellten die Schüler mit einem 25000-Euro-Kredit den ersten Schiffscontainer mit passenden Steckern und gründeten im Januar 2006 ihre erste Firma, den „Shocoladen“ – Der Einstieg ins Schoko-Biz. In den kommenden zwei Jahren verkauften sie einige tausend Brunnen und mehrere Tonnen Schokolade.

Unternehmensgründung mit Hilfe von Bloggern

2008 ging der Brunnen-Hype zu Ende und eine neue Geschäftsidee musste her. Franz Duge, inzwischen Student im Wirtschaftsingenieurwesen, suchte dringend nach einem Geburtstagsgeschenk für seine Freundin. Im Schokobrunnenlager wurde er fündig und goss die erste offizielle Tafel Schokri: aus weißer Schokolade, bestreut mit Gummibärchen und Studentenfutter. Auch im Freundeskreis kamen die süßen Geschenke gut an. Im Mai 2008 ging speise-der-goetter.de online – das Macherblog für das neue Projekt. Neben einigen Kampagnen in der Blogosphäre und Besuchen in verschiedenen Barcamps wurden auch Probetafeln an Blogger verschickt, die schließlich über die Neugrundung schrieben.

Die Netzgemeinde spielte beim Aufbau des Unternehmens eine zentrale Rolle: „Chocri glänzt und glitzert beim Zuhören und Senden. Habe selten so eine junge Firma gesehen, die so extrem schnell, aber auch offen und nachvollziehbar auf Netzmeinungen von Kunden reagiert.“ schrieb A-Blogger Robert Basic ein halbes Jahr nach der Gründung. Auch der schwizerdütsche Name Chocri war ein Vorschlag aus der Community und setzte sich in einer Blog-Umfrage durch.

Food Customizing ist erst am Anfang

Chocri sollte – ähnlich wie zuvor bereits MyMuesli oder Spreadshirt – ein Mass Customization Produkt werden. Das Geschäftsmodell kombiniert die Vorteile der industriellen Massenproduktion, etwa durch Automatisierung und Skaleneffekte, mit individuellen Kundenwünschen. Der Markt dieser individualisierbaren Produkte ist bis heute in alle Lebensbereiche vorgedrungen: Häuser, Computer, Maßanzüge – allein im Food-Custom-Bereich sind mehr als 60 deutsche Unternehmen gelistet, darunter auch ein halbes dutzend Copy Cats, die individuell produzierte Süßwaren herstellen. Jochen Krisch, Berater und Analyst des Branchenblogs ecommerce.de sieht auf diesem Markt noch viel Potential: „Food Customizing war lange ein rotes Tuch. Nachdem MyMuesli den Einstieg gemacht hat, trauen sich jetzt auch die Supermärkte wie food.de, lebensmittel.de oder supermarkt.de. Die größten Chancen sehe ich für spezialisierte Anbieter, die jetzt schnell Kompetenz in diesem Segment aufbauen und auf einen Mix aus vorgefertigten und individualisierbaren Komponenten für Handel und Endkunden setzten.“

Auch Bruck glaubt an das Schokowunder: „Solange uns noch nicht jeder kennt, können unsere Umsätze noch steigen. Deshalb stecken wir 2012 jeden übrigen Cent ins Marketing“. 4,50 Euro kostet eine Tafel im Schnitt. Davon gehen etwa 30 Prozent, also 1,35 Euro, für die Produktionskosten drauf. Alles übrige Geld fließt bislang in die Deckung der Fixkosten. „Allein die IT verschlingt jährlich mehr als 200.000 Euro“, sagt Bruck.

Das Geschäft mit der Internetschokolade ist schwer planbar. An Valentinstag, Ostern und in der Weihnachtszeit arbeiten bis zu 50 Schichtarbeiter rund um die Uhr. Im Sommer ist hingegen Schoko-Flaute. „Da werden wir immer ein kalkuliertes Risiko haben“. Die Schwankungen kompensiert das Gründerduo mit Zeitarbeitern. „Ich bin zwar kein Fan von dem Modell – aber anders können wir in diesem Geschäft nicht überleben.“

Vom Startup zum Unternehmen muss man „noch mal richtig Gas geben“

Dass die beiden Jungunternehmer mit Geld umgehen können, haben sie bereits bewiesen. Die ersten drei Chocri-Jahre finanzierten sie aus eigener Tasche, mit den Ersparnissen aus dem Schokobrunnen-Handel. Bei einem Umsatz von knapp unter einer Millionen Euro waren sie damit auch schon knapp profitabel. „Wir wollten auf das nächste Level, also mussten wir noch mal richtig Gas geben“, sagt Bruck. So fiel die Entscheidung für den Zusammenschluss mit Ritter. „Seitdem ist die Startup-Hudelei vorbei“.

Kurz vorher machte Chocri noch einen Ausflug ins Ausland. Für die USA und England wurde eigene Produktmanagerin eingestellt, die in erster Linie Öffentlichkeitsarbeit machte. Doch bei den Amerikanern die Massenmaßanfertigung der Chocri nicht an, auch weil die Lieferzeiten aus Deutschland zu lang waren – der erste herbe Rückschlag für Chori. Die Hauptstädter mussten sich von der Kollegin wieder trennen und die Marketingaktivitäten auf Deutschland reduzieren. Stattdessen diversifizierten Bruck und Duge ihr Angebot: So kamen die Beiprodukte Eis, die Welreise-Minitafeln, Trinkschokolade und zuletzt, im November 2011, die Pralinen mit in das Portfolio.

Die Strategie zahlte sich aus: 2011 setzte Chocri handgemachte Schokolade im Wert von fast zwei Millionen Euro um. Für 2012 rechnet Bruck mit einem Umsatz von 2,6 Millionen Euro. „Wir erwarten, dass Chocri zum Ende des Jahres profitabel wird. Wir müssen nur noch die Sommerfinanzierung klären, aber das erste Quartal lief gut an.“

Am Ende des Hausbesuchs ordnet sich Michael Bruck, den im Büro alle „Micha“ rufen, für das Portraitfoto vor dem Zutatenregal. Die Armani-Uhr und seinen Baumwoll-Schal legt er in das Regal. Dann zupft so lange an seiner roten Chocri-Schürze, bis das Ritter-Sport-Logo auf seinem Poloshirt darunter komplett verschwindet. Er achtet darauf, dass die Maschinen im Hintergund und insbesondere der neu konzipierte Bestreutisch nicht mit auf dem Bild sind: „Das muss die Konkurrenz ja nicht sehen“.

Er schaut optimistisch in die Zukunft. Den Verkauf seiner Firmenanteile schließt er genauso wenig aus, wie den Abschluss seines Teilzeitstudiums: „Wenn es mit meiner Entrepreneurship-Karriere nichts wird, werde ich halt doch noch Lehrer für Philosophie und Geschichte.“

Financial Times Deutschland (online) | Gründung | April 2012
Fotos: Malte Brenneisen