Claudius Schulze baut ein Boot, mit Hilfe von Video-Tutorials und Netz-Wissen aus Teichbau-Foren. Noch in diesem Sommer soll sein schwimmendes Atelier im elbdurchfluteten Stadtteil Wilhelmsburg getauft werden. Malte Brenneisen hat ihn auf der Baustelle besucht.

gentle rain | Sommer 2016
Fotos: Kevin McElvaney

Vor Schuppen 50a in Wilhelmsburg sitzt eine Katze und frisst Grillwurst. Das Kreischen der Stichsäge und die Hammerschläge aus der Werft am Elbufer bringen sie nicht aus der Ruhe. Im Schatten eines weißen Kranwagens beobachtet „Blacky“ das Treiben auf der Baustelle, bei der nächsten Gelegenheit kringelt sie sich um die Beine des Bootsbauers Claudius Schulze. „Blacky ist aus Istanbul, unsere damalige WG-Katze. Mein Mitbewohner Serkan hielt Tauben unter dem Dach und das Futter lockte Mäuse an. Dann lief uns Blacky zu – die Lösung des Problems“, sagt Schulze. Seitdem begleitet ihn die schwarze Katze.

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Der große, schmale Mann mit dem dunklen Rauschebart ist eigentlich kein Handwerker, sondern Fotograf und Dozent. Für seine Arbeiten hat er schon mehr als 50 Länder bereist. Im Winter lehrt er am National Institute of Design im indischen Ahmedabad, im Sommer an der Leuphana Universität Lüneburg. Seine Freundin lebt in Amsterdam und im Herbst beginnt seine Promotion am London College of Communication. Hamburg nennt er seinen Heimathafen. Hier lebt der 31-Jährige in einer Zwei-Zimmer-Wohnung auf Sankt Pauli. „Die Bude ist muckelig, der Platz reicht leider nicht für kleinere Events oder Ausstellungen“, sagt Schulze. Deshalb das Boot: Mit einem schwimmenden Atelier möchte er noch in diesem Jahr am Veringkanal in Wilhelmsburg festmachen und von dort aus die Binnengewässer Europas bereisen. „Wenn ich damit zwölf Kilometer pro Stunde schaffe, könnte ich in zehn Tagen in Amsterdam sein“.

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Auf einem Stapel Europaletten liegt der Bauplan, beschwert mit Hammer und Schrauben. Die technische Zeichnung zeigt ein Floßauf zwei Schwimmkörpern, neun Meter lang und fünf Meter breit, auf Deck entsteht das 35 Quadratmeter große Atelier. „Ich habe einen 15-PS-Motor gekauft, dafür braucht man keinen Bootsführerschein. Dann dürfen alle mal an’s Steuer, die hiermithelfen“, sagt Schulze. Er möchte seinen Freunden und Kollegen etwas zurückgeben. Denn ohne die würde es kein Boot geben.

Über Facebook lädt Schulze wöchentlich zur „Eroberung des Unwahrscheinlichen“ ein, so der Arbeitstitel für seinen Traum vom Boot. In den Kommentaren werden noch schnell die Fakten gecheckt, bevor es losgeht: Werkzeug, Arbeitsschuhe, Schutzbrille, Bier, Grill, Ghettoblaster, gegen Mittag treffen die ersten Helfer am Gleisbett der historischen Hafenbahn ein. Hier, mitten in der Freiluftausstellung des Hafenmuseums, baut Schulze zwei bis dreimal die Woche am Boot. Die Sonne steht hochzwischen den alten Ladekränen für die Binnenschiffer – sie hat den Kunstharz auf den Querstreben getrocknet und wasserdicht gemacht. Bis zum Abend sollen die Balken fest verschraubt werden und erste Eckpfeiler für das Atelier montiert.

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Claudius Schulze treibt den ersten Bolzen durch das Holz. Es dauert ein bisschen, bis er mit seinen langen Beinen in den Schwimmkörper geklettert ist, um den Metallstift von innen mit einer Mutter zu kontern. Eigentlich war der Bootsbau eine Schnapsidee unter dem Weihnachtsbaum: „Mein Cousin ist Schiffsbauingenieur und wir wollten ein Floß für 500 Euro bauen“ ,sagt Schulze. Heute rechnet er mit dem zehnfachen Budget, ehe der Kahn schwimmen kann – Solaranlage, Inneneinrichtung und Motoren außen vor.

Die Gesetze der Hydrodynamik, Verdrängungsphysik und Statik hat Schulze im Internet studiert „Es ist verrückt, was sich Hobby-Heimwerker in YouTube-Tutorials, Teichbau-Foren und Angelboot-Communities beibringen“, sagt er. Zum Dank an die Netzschrauber dokumentiert der Fotograf sein Bauprojekt ebenfalls mit Bildern, Filmen und Zeichnungen, die er nach der Bootstaufe ins Web stellt.

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Auch wenn Schulze kein Profi ist, steckt in ihm ein passionierter Anpacker. „Ich mag Leute, die einfach loslegen – nicht mit Chaos, sondern mit Konzept.“ Dafür gebe es in Hamburg eine Menge Inspiration, wie die Künstlergenossenschaft Frappant in Altona oder das Gängeviertel-Kollektiv in der Innenstadt, sagt er. Auch der Fotograf träumt von einer schwimmenden Gemeinschaftsinsel. Auf dem Dach seines Boots möchte er eine kleine Bühne für zeitgenössischen Tanz einrichten, im Innenraumwill Schulze Erzählsalons nach dem amerikanischen Vorbild „the moth“ veranstalten.

Doch bis dahin muss er noch ein paar Bolzen im Holz versenken. Ende des Monats endet der Pachtvertrag für die Freiluftwerft vor dem Hafenmuseum. Dann kommt ein Kran und lässt Schulzes Schwimmatelier zu Wasser. Nach allen Gesetzen des Internets sollte es dann nicht untergehen.

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