Ihr Tag ist die Nacht. Ihre Arbeit beginnt, wenn die meisten anderen aus dem Büro kommen, zum Feiern losziehen oder ins Bett gehen: die Notfallärztin im OP, der Kapitän auf dem Containerschiff oder der Fischfiletierer am Hafen. Ohne Hamburgs Nachtgestalten würde die Stadt nicht funktionieren. Ein Streifzug nach Sonnenuntergang

Valeska Faber, Türfrau und Barkeeperi in St. Pauli

Zwei Hütchen Rum, Limetten, Rohrzucker, Minze und Soda auf Eis. Gerade mixt Valeska Faber einen Mojito, da bittet sie ein Kollege um Verstärkung an der Tür. Die 27-Jährige streift die Schürze ab und wechselt von der Bar an den Eingang des „Mojo Clubs“. Tags studiert Valeska Faber Ethnologie und Psychologie an der Uni Hamburg. Nachts verdient sie ihren Lebensunterhalt in dem legendären Kiezclub, der in den Neunzigern als Vorreiter für Acid und Dancefloor Jazz galt. 2003 schloss er. 2013 eröffnete das „Mojo“ spektakulär wieder: unter den Tanzenden Türmen auf der Reeperbahn. Mit seinen vielen Live-Auftritten von Jazz, Rap bis hin zu Electro Pop sei der Club ein Ort für Musikliebhaber, sagt die Hobbykickboxerin, stressig werde es hier nie: „Ich liebe meinen Job, weil ich dazu beitragen kann, dass die Leute hier einen tollen Abend haben.“

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Tanja Jankovic, Hebamme in Ohlsdorf

Der Taxifahrer tritt aufs Gas, Tanja Jankovic steht der Schweiß auf der Stirn – schneller, schneller, denn diese Nacht soll wieder ein kleines Wunder geschehen. Die 37-Jährige ist freiberufliche Hebamme, auf dem Weg in den Kreißsaal: Der kleine Mattis will gleich zur Welt kommen. Jankovic ist beim Alarmanruf der hochschwangeren Inken Asbahr zu ihrem Auto gesprintet. Doch das ist – abgeschleppt! Trotzdem schafft es Jankovic rechtzeitig: Am 21.8. um 4.56 Uhr wird Mattis gesund und munter geboren. Während der Wochenbettbetreuung bei Familie Asbahr erzählt Jankovic diese Geschichte, eine echte Gute-Nacht- Geschichte. Seit Jahren werden in Hamburg immer mehr Babys geboren: Allein in der ersten Hälfte 2014 waren es 11.186. Auch der Kalender von Jankovic ist randvoll: 37 Babys hat sie 2014 schon auf die Welt geholfen, weitere 12 haben sich angekündigt. Nachtschichten inklusive.

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Jochen Arbien, Hauptschleusenmeister in Brunsbüttel

Nur wenige Meter trennen die „Akacia“ aus Madeira von den Kanalufern. Von seiner Kanzel beobachtet Jochen Arbien, 61, wie das 150 Meter lange Containerschiff langsam in die Schleuse gleitet, und dirigiert per Funk den Lotsen an Bord. Dann schließen sich die mächtigen Tore hinter der „Akacia“. Mehr als 32.000 Handelsschiffe und 15.000 Sportboote durchfuhren 2013 den Nord-Ostsee-Kanal und dort die Schleuse Brunsbüttel. An dieser Verkehrsschlagader können Arbiens Entscheidungen weitreichende Folgen haben. „Wenn ich in einer der Haltebuchten ein Schiff mit 800 Containern warten lassen muss, können die schon mal 800 Frachtflugzeuge in Amsterdam verpassen.“ Noch fataler wäre ein Unfall im Kanal oder in der Schleuse, weiß der gelernte Seemann: „Sicherheit geht deswegen bei unserer Arbeit vor.“

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Evi Theodoridou, Polizeioberkommissarin in St. Georg

Im Schritttempo rollt der Streifenwagen den Steindamm entlang. Männer ziehen ihre Basecaps ins Gesicht, drehen sich abrupt weg. Eine Frau im Mikro- Mini spricht mit einem Sport wagenfahrer: „Äh, das ist mein Freund“, ruft sie hektisch, als Polizeioberkommissarin Evi Theodoridou ihr Autofenster heruntersurren lässt, dann rennt sie weg. St. Georg ist der Stadtteil der Kontraste: Zwischen der Schwulen- und Lesbenszene an der Langen Reihe und durchreisenden Fußballfans am Hauptbahnhof, zwischen billigen Absteigen und Luxuswohnungen am Hansaplatz liegen nur wenige Meter. Das hiesige Polizeikommissariat 11 ist Hamburgs zweitkleinstes. Hier arbeitet Theodoridou. „Ich habe den tollsten Job der Welt, denn er ist jeden Tag und jede Nacht anders“, sagt die 39-Jährige.

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Karina Sutmöller, Notfallärztin in Langenhorn

Die Patientin steht unter Narkose, als Karina Sutmöller ihr die endoskopische Kamera unter die Bauchdecke schiebt: Not-OP, um 3 Uhr früh. Sutmöller ist in den Operationssaal geeilt, um eine entzündete Gallenblase zu operieren. Bricht die Gallenblasenwand durch, zählt jede Minute. Die Medizinerin prüft, entscheidet schnell: Das Organ muss entfernt werden – sofort. Als Assistenzärztin in der Asklepios Klinik Nord unterstützt Sutmöller Oberärzte bei größeren Eingriffen und kümmert sich um Unfallopfer. Letzte Nacht hat sie die ausgerenkte Hüfte eines Bauern behandelt, den seine Kuh überrannt hatte. Gegen die Schmerzen bat der Mann um ein ganz unwissenschaftliches Beruhigungsmittel – die Hand der Ärztin. Der Wunsch wurde gewährt.

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Ernst-August Bergmann, Förster in Niederhaverbek

Ein paar zirpende Grillen. Und eine Fährte in der Heide. Mit den Scheinwerfern seines Geländewagens leuchtet Förster Ernst-August Bergmann die Böschung aus. Noteinsatz. Der angefahrene Rehbock kann nicht weit gekommen sein. Bergmanns Revier liegt im Naturschutzgebiet Lüneburger Heide und umfasst rund 2000 Hektar Wald. Im Herbst sucht das Wild Eicheln unter den Bäumen an der Straße, heute Nacht hat es dabei einen Unfall gegeben. Nach einem Anruf der Polizei macht sich der Förster auf die Suche nach dem Fallwild. „Zum Glück sind diese Einsätze selten, Waldpflege und Naturschutzarbeit sind mir lieber“, sagt der 56-Jährige. Die Natur, die er pflegt, zieht Einwanderer an: Seit einigen Jahren gibt es hier wieder Wölfe.

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João Costa Ribeiro, Fischfiletierer in Altona

Das Messer fliegt von der Rechten in die Linke. João Costa Ribeiro packt den Kopf des Fisches und zieht die Klinge an dessen Leib entlang. Jeder Schnitt sitzt, kein Gramm wird verschwendet. In weniger als einer Minute ist der Sieben-Kilo-Lachs filetiert und bereit für die Händler. Der 54-Jährige arbeitet beim Fischgroßhandel Lucia Schumann, Große Elbstraße. Meerestiere zerlegt der gebürtige Portugiese bereits 36 Jahre lang. Zehn davon hat er auf einem Trawler vor Kanada und Alaska geschuftet, bis ihn Reedereipleiten und der Wandel des Hochseefischfangs nach Hamburg spülten. Hier nimmt Ribeiro mit seinen Kollegen Fisch aus – Nacht für Nacht bis zu zwei Tonnen. Die Tür zur Laderampe ist stets geöffnet, ständig halten Lieferwagen. Ribeiros Motto für die Zeit nach den Nachtschichten im Winter: „Je kälter der Wind, desto härter der Schnaps!“

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Bernd Ströh, Hapag-Lloyd-Kapitän in Waltershof

Die Seilwinden kreischen, und wieder scheint ein 30 Tonnen schwerer Container über das Deck der „Nagoya Express“ hinwegzufliegen. Der Kranfahrer am Kai hievt – zack, zack! – die letzten Güter an Bord des 336 Meter langen Frachterriesen. Die Zeit rennt, um 21 Uhr ist Abfahrt. Kapitän Bernd Ströh, 63, macht gerade die Brücke klar. Der Hamburger mit dem grauen Haar hat 24 Mann unter seinem Kommando. Bevor Ströh die bis zu 8750 Container von der Nordsee über den Atlantik nach New York bringt und dann die Route zurück über Rotterdam ansteuern kann, gibt es noch viel zu tun: Zollpapiere und Seekarten vorbereiten, nautische Geräte überprüfen, die Abgangsmeldung schreiben. In seinen 28 Tagen auf See und in diversen Häfen ist der Kapitän dann im Dauereinsatz – rund um die Uhr auf Abruf.

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Nils Borkheim, Wartungsleiter bei Lufthansa Technik in Fuhlsbüttel

Kaum sind die Hallenpforten geöffnet, rollt der Airbus 320 über die Schwelle. Langsam bugsiert ein Schlepper ihn rückwärts an die Wand des Hangars. In nur sechs Stunden muss das Passagierflugzeug komplett durchgecheckt sein, dann wieder abheben. Hinter der Glaswand im ersten Stock stehen die drei Monitore von Nils Borkheim. Von hier aus behält der Wartungsleiter bei Lufthansa Technik den Überblick: Insgesamt 15 Flieger müssen in dieser Nachtschicht überprüft werden. Türen abschmieren, Bordinstrumente checken, Reifen wechseln. Borkheim koordiniert ein Team aus 84 Mechanikern und Elektronikern und diskutiert am Telefon die Kundenwünsche der Airlines. Hamburg ist Europas größter Lufthansa-Technik-Stützpunkt für die Flugzeugwartung. Millionen Passagiere vertrauen auf die Schichtarbeit von Borkheim und seinen Kollegen.

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Hamburg: Das Magazin aus der Metropole | Titelgeschichte | 07.11.2014
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Fotos: Torben Weiß