Neue Osnabrücker Zeitung | Wochenendjournal | 31.08.2013
Fotos: Malte Brenneisen

Das Wasser ist bretthart. Nur noch knapp 500 Meter für Tempo 101. Wild peitscht das Seil durch die Uferböschung, die Gischt sprüht Andi ins Gesicht. Vom Gegenwind verziehen sich seine Wangen fast bis hinter die Ohren. 50 Kilometer pro Stunde. „Gib Gas, Junge!, ich will die 100 knacken!“, ruft er kurz vor der Brücke. Der Motor heult auf, die Leine spannt sich und die Tachonadel springt auf 75 Kilometer pro Stunde. Der VW Golf prescht den Schotterweg am Mittellandkanal entlang, wirbelt Staub und Gräser auf. Kurz hinter der Brücke dann ein dumpfer Knall. Ein Ruck geht durch das Auto, die Leine ist gerissen. Andi verliert Geschwindigkeit und versinkt langsam im Wasser. „Verdammt! Wenden, neu verknoten und dann nochmal!“ ruft er seinem Fahrer Felix zu.

Nur langsam glätten sich die Wogen, die Andis Wakeboard im Kanal hinterlässt. Doch so richtig ruhig wird das Wasser heute nicht mehr. Andi und seine vier Freunde haben einen Plan: Den Geschwindigkeitsrekord vom letzten Mal brechen. Da ist er mit 100 Kilometern pro Stunde über das Fährgewässer gerast. „Das Tempo surfen wir nur mit Helm und Rückenpanzer“ sagt Felix. Bis eben stand der heutige Chauffeur noch selbst auf dem Brett. Und am Rand warten noch drei weitere Jungs auf ihren Einsatz.

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„Hier gibt’s weder Wind noch Welle, deshalb muss man sich Alternativen überlegen“ sagt Felix, während er das Seil am Autoheck ausrichtet. Vor ein paar Jahren war der gelernte Garten- und Landschaftsbauer nur zum Baden am Kanal. Eine Europalette trieb vorbei und der Brettsportler überlegte nicht lange und zog sie an Land. Sein Abschleppseil und die Anhängerkupplung vom Auto taten den Rest. Die schwere Holzpalette taugte jedoch schlecht als Surfbrett. „Eine Zeit lang haben wir es deshalb mit einem Snowboard versucht. Heute nehmen wir klassische Surf- , Wake- oder Kiteboards“, sagt Felix. Seitdem kommt er häufiger an den Kanal – als Alternative zum Wakeboarden am 30 Kilometer entfernten Alfsee, wo die Jungs sonst oft am Seil hängen. „Mit der professionellen Seilzuganlage von dort kann man das nicht vergleichen, aber unsere Technik wird besser“, sagt Felix.

Das Abschleppseil hat er inzwischen durch eine professionelle Sportleine ersetzt, am Ende ist als Griff eine Hantel befestigt. Für das Heck vom Golf will er noch einen so genannten „Tower“ zusammenschweißen, ein Gestänge, mit dem Wakeboarder sonst von Booten gezogen werden. Das hat gute Gründe: „einem Kumpel haben wir mal den gesamten Kofferraum verzogen, wir waren wohl zu schnell“, sagt Felix. „Oder zu fett“, ruft Andi, der im Wasser noch immer auf den Neustart wartet.

Felix tritt auf das Gaspedal, noch einmal spannt sich die Leine. Andi erhebt sich aus dem Wasser, im Nu ist er bei 45 Kilometer pro Stunde. Immer wieder wechselt Felix’ Blick zwischen der Strecke vor ihm und seinem Anhängsel Andi, der sich auf dem Kanal tief in die Leine lehnt. Wieder rauscht die Uferböschung unter dem Zugseil durch, mit 55, vorbei an den parkenden Autos mit 65. „Stopp!“ schreien die Jungs plötzlich am Wegesrand. Felix bremst scharf, Andi lässt sofort los und geht wieder auf Tauchstation. In der Ferne wurde ein Jogger gesichtet.

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„Shit! Aber das geht halt nicht“, sagt Felix. „Wir möchten Ärger vermeiden, also kommen wir, wenn wir hier niemanden stören oder gefährden. Das ist manchmal mühselig aber eben notwendig“. Heute sind die Bedingungen gut. Es nieselt und die Sonne steht schon tief über dem Natruper Holz. Der Jogger ist der erste Passant seit über einer Stunde. Zwar gibt es kein Gesetz, das Surfen auf Kanälen verbietet, aber es gibt laut Binnenschifffahrtsstraßenordnung ein Tempolimit für „Kleinfahrzeuge“ auf dem Mittellandkanal: 15 Kilometer pro Stunde.

Dass Andi heute fast sieben mal schneller unterwegs sein will, rechtfertigt Felix mit vorbildlichem Verhalten: „Wir nehmen hier regelmäßig den Müll mit, den Angler oder Badegäste hinterlassen – ein Geben und Nehmen wie überall“. Einmal war die Polizei schon angerückt, erinnert sich Felix. Ruckzuck wurde damals das Seil gekappt, in alle Himmelsrichtungen flohen die Jungs. Später stellte sich heraus, dass die Polizisten auch nur zuschauen wollten. „Viele Spaziergänger oder Radfahrer bleiben begeistert stehen und machen Fotos“, sagt Felix.

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Für Andis 100 wird es jetzt zu dunkel. Die Jungs beschließen, keinen weiteren Versuch zu unternehmen und packen zusammen. Kurz wird noch diskutiert, ob der Grill angeschmissen werden soll – doch die Wahl fällt auf Reispfanne in der gemeinsamen Wohnung. Felix nimmt die Leine zusammen und erzählt dabei von seinem neuesten Projekt: in einer Scheune will er ein so genanntes „Drift-Trike“ zusammenbauen – eine Art übergroßes Dreirad mit kleinen Hinterrädern. Die Reifen bestehen aus einem glatten Material, wie zum Beispiel Kunststofffolie und können dadurch einfach ins Rutschen kommen. „Damit knallen wir dann die Berge in Tecklenburg runter. Hauptsache schnell und Hauptsache Spaß!“, sagt Felix und schließt den Kofferraum. Andi streift seinen Neoprenanzug ab und rubbelt sich mit einem Handtuch das Kanalwasser aus den Haaren. „Die 101 pack’ ich nächstes Mal“.

Neue Osnabrücker Zeitung | Wochenendjournal | 31.08.2013
Fotos: Malte Brenneisen