Wachstumsmarkt Recommerce: Im Juli 2011 platzte die Übernahme des Berliner Startups Rebuy durch die Media-Saturn-Holding. Mit neuem Kapital von Hasso Plattner Ventures will die An- und Verkaufsplattform von Medienprodukten jetzt eigenmächtig wachsen.

Rebuy im Überblick
Gründung der GmbH: 11.08.2004
Geschäftsstart: 01.11.2004
Produkt: An- und Verkauf von gebrauchten Medienprodukten

Wenn alles nach Plan läuft, will Rebuy-Mitgründer Lawrence Leuschner bald in sein Büro im dritten Stock klettern können – durch den Fahrstuhlschacht. Beim Bau des 10.000 Quadratmeter großen Logistikzentrums in Berlin-Rudow entschieden die Gründer, statt des geplanten Lifts Klettergriffe in den Schacht zu bauen. Die Meetingräume in den oberen Geschossen heißen passend dazu nach den Alpengipfeln Watzmann und Zugspitze.

Leuschner ist einer der fünf Gründer und zwei Geschäftsführer der An- und Verkaufsplattform Rebuy.de. Der 29-Jährige leitet Marketing und Vertrieb. Statt einer Kletterausrüstung trägt er heute Jeans, Longsleeve und Baumwollschal und führt durch seine neu erschaffene Bergwelt. Noch ist es hellhörig und auf den Fluren riecht es nach Farbe. Erst Anfang April hat das Startup den Hallenkomplex am Hauptstadtrand bezogen.

Rebuy erwirbt gebrauchte Bücher, CDs, DVDs, Hardware und andere Medienprodukte von Privatpersonen zum Festpreis und verkauft sie anschließend mit durchschnittlich 40 Prozent Marge. Das Modell erspart ihnen Aufwand und Zeit, aussortierte Altware selbst auf den einschlägigen Verkaufsplattformen wie Ebay oder Amazon anzubieten. Aufbereitung, Reparatur, Vermittlung und Versand – das alles übernimmt Rebuy. „An uns verkaufen die Kunden zwar zu einem geringeren, dafür aber garantierten Festpreis. Das macht Rebuy einfacher, schneller und sicherer als den Verkauf auf dem Flohmarkt, beim Antiquitätenhändler oder bei Ebay“, sagt Leuschner, während er sich mit seiner Chipkarte für den Rundgang rüstet.

700.000 gebrauchte Artikel auf Lager

Am Eingang der Lagerhalle im Erdgeschoss gibt es eine Sicherheitskontrolle. Leuschner legt vorbildlich Wertsachen und metallische Gegenstände in den Korb und geht durch den Metalldetektor. „Hier lagert Ware im Wert von Millionen – leider mussten wir lernen, dass wir dafür Wachleute brauchen“, sagt er. Das uniformierte Personal lächelt höflich und lässt den Chef passieren. Wenige Schritte weiter steht man in der Halle. Auf etwa einem Drittel der Fußballfeld-großen Halle türmt sich ein 12 Meter hohes Stahlgerüst mit fünf Ebenen. Auf jedem der fünf Böden stehen auf 33 Gängen 1430 Regale, in denen aktuell rund 700.000 gebrauchte Artikel in Kisten verstaut sind. „In den Kisten sieht es zwar chaotisch aus – doch jeder Artikel bekommt eine eigne Standortnummer“, versichert Leuschner.

155 Euro werden einem Althandybesitzer beispielsweise für ein iPhone 3Gs mit 16 GB Speicher angeboten. Der Verkaufpreis für das gleiche Handy liegt nach der Prüfung, Aufbereitung und Einlagerung durch Rebuy bei 269 Euro. 45 Tage liegt ein Artikel im Schnitt in einem der Rebuy-Regale, bevor er einen neuen Besitzer findet. An guten Tagen kommen bis zu 30.000 Artikel rein und 15.000 Pakete gehen raus, sagt Leuschner während er durch die Abteilungen Wareneingang, Aufbereitung und Versand schreitet. „Um schnell zu wachsen, muss mehr Ware rein kommen als raus gehen“, erklärt er. Am Ende des Jahres sollen über eine Millionen Artikel in den Kisten liegen. Bis dahin soll noch ein weiterer Regalstahlkoloss in der Halle mit der Gebrauchtware gefüllt werden. Vertrauen in den Erfolg ihres Startups haben die fünf Jungunternehmer jedenfalls. Neben der neu eröffneten Lagerhalle steht bereits eine zweite, etwas kleinere Halle. „2013 wollen wir da das Licht anmachen“, sagt Leuschner optimistisch.

Ein paar Excel-Tabellen und eine Idee

Die Liebe zu den Bergen kommt aus Leuschners Heimat. Am Gymnasium in Hofheim am Taunus gründeten der damals 20-Jährige und sein drei Jahre jüngerer Schulfreund Marcus Börner 2004 den Vorläufer Trade-a-game, aus dem Rebuy hervorging. Einen grobe Kalkulation hatten sie aufgestellt und mit Olivier Mackovic einen Programmierer im Freundeskreis gefunden, der die erste Seite bauen konnte. Für die Website brauchten sie 5000 Euro und für die GmbH weitere 12500 Euro Startkapital. Doch Banken winkten ab. Im Bekanntenkreis fanden sie drei Geldgeber, die knapp 40.000 Euro investierten. „Dabei hatten wir damals nicht mehr als ein paar Excel-Tabellen und eine Idee“, erinnert sich Leuschner.

Im November 2004 ging Trade-a-game online. Wie der Name sagt, konnte man über die Seite seine alten Computer-, Konsolen- oder Gameboyspiele gegen eine Tauschgebühr von 5 Euro abgeben und bekam dafür ein gleichwertiges oder – mit einer Zuzahlung – ein neueres Spiel. „Aber den Versand von zwei Spielen täglich konnte meine helfende Mutter alleine erledigen – uns kannte einfach niemand“, erinnert sich Leuschner an die Schwierigkeiten der Startphase.

 

Während des BWL-Studiums an der FH Wiesbaden schrieben Leuschner und Börner deshalb einen neuen Businessplan. Mit den Kommilitonen Daniel Freudenberger (IT) und Tim Fronzek (Finanzen) komplettierten die drei im Frühjahr 2005 das Gründungsquintett. 1,7 Millionen Euro Fremdkapital sollten her, damit Trade-a-game wachsen konnte. Dafür rief Leuschner aus seinem Studentenzimmer bei jedem großen Geldgeber persönlich an. Doch bei Investoren wie den internationalen Risikokapitalgesellschaften Atlas Venture (Premiere Star, Dailymotion) oder Index Ventures (Skype, Dropbox, Soundcloud) habe er es nur bis zum Vorzimmertelefon geschafft, sagt er.

„Wir brauchen keine Couch“

Über das Businessnetzwerk Xing kam schließlich der Kontakt mit Getmobile-Gründer Daniel Wild sowie Cornelius Boersch, Mitgründer des Chiphändlers ACG und des Firmeninvestors Mountain Partners, zustande. “Denen gefiel unser Auftritt“, sagt Leuschner: „Wir waren ihnen naiv und größenwahnsinnig genug.“ Gleich im ersten Treffen äußerten Leuschner und Börner deshalb den Wunsch, Jamba-Gründer und Serieninvestor Oliver Samwer als möglichen dritten Geldgeber anzusprechen. Sie arrangierten wenig später das Treffen. „Nach 20 Minuten war die erste Finanzierungsrunde über 100.000 Euro beschlossen“, resümiert Leuschner.

Mit dem Startkapital zogen die Fünf in eine Wohngemeinschaft nach Berlin-Kreuzberg, in der bis heute vier der Jungunternehmer leben. Das Wohnzimmer wurde zum Büro, in Küchenregalen und Flur lagerten die gebrauchten Spiele. Ende 2007 lag der Umsatz bei mehr als einer halben Millionen Euro. Davon zahlten sich die Exil-Hessen ein Gründergehalt von 1000 Euro aus. Bis zu 15 Mitarbeiter arbeiteten in der WG, erinnert sich Leuschner. Seine damalige Freundin habe eines Tages das Sofa in der Küche vermisst. “Ich habe die Logistik optimiert, wir brauchen hier keine Couch“, lautete die Erklärung des Mitarbeiters.

Ende 2007 ging Oliver Samwer wieder von Bord. Dafür sammelte Trade-a-game 2008 in einer zweiten Finanzierungsrunde knapp eine Millionen Euro ein. Das frische Kapital kam von Dumont Venture und Medialab, einem Gemeinschaftsunternehmen der Verlagsgruppen Madsack und WAZ. Mit dem Risikokapital wuchs Trade-a-game auf 2,8 Millionen Euro Umsatz und 50 Mitarbeiter am Jahresende 2008. Das Team zog in sein erstes offizielles Büro in Kreuzberg und eröffnete ein Logistikzentrum im brandenburgischen Nauen. Um profitabel zu werden, musste der Umsatz aber noch um einige Millionen Euro steigen, sagt Leuschner. Das führte zu dem Entschluss, sich allein auf Gebrauchtware zu spezialisieren und keine neuen Spiele mehr zu verkaufen. Die Margen mit der Gebrauchtware waren höher, außerdem schätzten immer mehr Kunden den die Option mit dem Direktankauf, sagt Leuschner. Zu der Neuausrichtung trugen auch zwei neue Investoren bei: die Beteiligungsgesellschaft des Schweizer KHK-Software-Mitgründers Klaus Wecken, der auch in die Online-Musikplattform Simfy investierte, sowie die KfW-Bankengruppe. Und so wurde aus der Spieletauschseite Trade-a-game 2009 der Gebrauchtwarenhändler Rebuy Recommerce.

Geplatzter Flirt mit Media-Saturn

Das Sortiment wurde auf insgesamt zehn Kategorien erweitert. Neben Spielkonsolen, Film-DVDs, Musik-CDs und Büchern kamen auch Elektroartikel wie MP3-Player, Handys, Notebooks, Tablet-PCs und Apple-Produkte mit in das Portfolio. Die Diversifizierung zahlte sich aus. Ende 2009 lag der Umsatz des Startups bei 4,3 Mio. Euro, Ende 2010 bei 10 Mio. Euro.

Grund für den Umsatzsprung war vor allem eine Kooperation mit Media Markt. Rebuy durfte in den Elektromärkten an eigenen Ständen Gebrauchtware von Kunden ankaufen und gab diesen dafür Media-Markt-Gutscheine. Das System verschaffte auch der Elektromarktkette ein Umsatzplus. Im Juli 2011 gab es deshalb Übernahmegespräche. Doch der Deal platzte kurz vor der Unterschrift, weil Media-Saturn-Gründungsgesellschafter Erich Kellerhals im Clinch mit Mitanteilseigner Metro die Zustimmung verweigerte: (http://www.ftd.de/unternehmen/handel-dienstleister/:streit-bei-der-elektronikkette-metro-kann-sich-weiter-bei-media-saturn-geld-leihen/60098079.html).

Statt sich aufkaufen zu lassen, stemmte Rebuy eine weitere Finanzierungsrunde mit dem Risikokapitalgeber Hasso Plattner Ventures. In zwei Etappen erhielt das Startup bis zum Frühjahr 2012 insgesamt einen „mittleren einstelligen Millionenbetrag“ und jetzt mit rund 10 Mio. Euro fremdfinanziert, sagt Leuschner. Mit den Hasso-Plattner-Geldern zog Rebuy Anfang April in den Neubau nach Berlin-Rudow. Die Kapazitäten des neuen Logistikzentrums sind nach dem Umzug erst zu einem Drittel ausgeschöpft.

„Auf dem Markt ist Platz für alle“

Der Markt für gebrauchte Medienprodukte ist umkämpft. Neben Rebuy tummeln sich dort der mit 40 Mio. Euro Umsatz größere Wettbewerber Momox, sowie die kleineren Anbieter Wirkaufens oder Flip4new. Neben den Spezialanbietern haben auch die Branchengrößen Ebay und Amazon das Potenzial der Gebrauchtware entdeckt. Die Angebote Trade-in von Amazon und Sofortverkauf von Ebay seien aber bislang noch keine große Konkurrenz, sagt Leuschner: „Wir sind die Spezialisten im Wiederan- und -verkauf, Amazon und Ebay haben einen anderen Geschäftskern.“

Allein den Markt für Gebrauchthandys schätzt Leuschner auf 80 Millionen Telefone in Deutschland und bezieht sich auf eine Studie des Branchenverbands Bitkom (http://www.bitkom.org/de/presse/70864_70811.aspx). Ein Gebrauchthandy bringe Rebuy im Durchschnitt 20 Euro ein, womit allein in dieser Kategorie 1,6 Milliarden Euro Marktpotenzial lägen, rechnet er vor. Der Büchermarkt sei noch größer. Bislang verstehe man sich gut mit den Wettbewerbern, sagt der 29-Jährige: „Alle Wettbewerber zusammen machen bislang vielleicht einen Umsatz von 120 Millionen Euro – auf dem Markt ist also noch genug Platz für uns alle.“
Die fünf Gründer haben ehrgeizige Ziele: Bis zum Jahresende will Rebuy seinen Umsatz von zuletzt 23 Mio. Euro auf 45 Mio. Euro fast verdoppeln und trotz hoher Marketingkosten profitabel werden. Die Zahl der festangestellten Mitarbeiter soll im gleichen Zeitraum von 350 auf 500 steigen.

Kreativräume gegen Mitarbeiterschwund

Marketing und IT sind in Berlin Branchen mit einer hohen Fluktuation, weil gute Mitarbeiter schnell abgeworben werden, erklärt Leuschner. Rebuy habe deshalb immer ein nachhaltiges Personal-Konzept verfolgt. Die Mitarbeiter werden in der Regel fest angestellt und Zeitarbeit gebe es nur im ankaufstarken Monat Januar oder in den verkaufsstarken Monaten des letzten Quartals, versichert Leuschner. Die Angst vor dem Mitarbeiterschwund sei auch der Grund, warum am neuen Standort die so genannten „Kreativräume“ „Im Tal“ und „zum Himmel“ geschaffen wurden. Hier liegen Sitzsäcke vor großen Flachbildschirmen, die Mitarbeiter mit ihrem Laptop verbinden können. Außerdem gibt es auf dem Flur eine Tischtennisplatte und einen Schlafraum mit Bundeswehrbetten, in den sich die Kollegen in der Mittagspause zurückziehen können.

In knapp sieben Jahren ist aus Leuschners und Börners Spieletauschidee ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 23 Millionen Euro geworden. Jetzt muss das Startup beweisen, dass es mit den hohen Kapazitäten des neuen Logistikzentrums umgehen kann – und mit einem reifenden Wettbewerb. 350 Mitarbeitergehälter wollen dauerhaft bezahlt werden. Und rund 10 Mio. Euro Risikokapital müssen gewinnbringend investiert werden.

Am Ende des FTD.de-Besuchs geht Leuschner noch einmal durch die Lagerhalle. Er hat für das Wochenende ein paar DVDs für einen Videoabend mit seiner Freundin bestellt. Mit der ausgedruckten Standortliste hetzt er entschlossen über die Regalböden und bleibt bei Fach „AAA 045 B2“ stehen: „Gefunden – da ist ‚Tatsächlich Liebe’ im Regal.“

Financial Times Deutschland (online) | Gründung | Mai 2012
Fotos: Malte Brenneisen