Der Bulli als Fluchtfahrzeug: Autor Malte Brenneisen und seine Freunde Helge und Manuel nutzen ihre VW-Busse, um dem Großstadt-Trubel zu entkommen. Vorher wird in der gemeinsamen Werkstatt geschraubt und repariert. Ein Plädoyer fürs Fummeln und Anschieben.

WALDEN & Stern.de | Frühjahr 2018
Fotos: Kolja Schoepe
Models: Helge Matthiessen, Manuel Frenzel, Aljoscha Siefke

Meine große Liebe traf ich im Internet, ich nenne sie „Kotten“. Sie ist schon ein älteres Semester, und begegnet bin ich ihr zum ersten Mal bei forum.bulli.org. Als „Kotten“ bezeichnet man in meiner Heimat alte Fachwerkhäuser mit Reetdächern. Von so einem hatte ich früher geträumt, aber schon damals war mir klar, dass mein Geld dafür nie reichen würde. Für einen Bulli schon eher. Einen Bus mit großem VW-Emblem auf der Front und einem blubbernden Boxermotor im Heck. Einen, mit dem ich am Wochenende der Großstadt entfliehen könnte. Ans Meer, an den See.

Dabei war ein eigenes Fahrzeug für mich lange unwichtig. Bis ich „Kotten“ fand, bestand meine Welt aus Mietwagen, E-Roller, U-Bahn und Fahrrad. Aber spätestens als ich das Hippiebus-Roadmovie „Little Miss Sunshine“ sah, wurde mir klar: Meine neue Liebe wird ein T2 sein.

Meine Mit-Liebhaber traf ich im Bulli-Forum, wo es zur zweiten Volkswagen-Transporter-Generation (gebaut von 1967 bis 1979) mittlerweile fast 200.000 Einträge gibt. Verfasst von Typen, die in T2-Oldtimer genauso verknallt sind wie ich. Männer wie Wolfgang, der Bulli-Weise. Seit 1993 steht sein marinogelber T2 im namibischen Windhoek im Schiffscontainer einer Spedition und wartet auf ihn und das nächste Abenteuer. Der TÜV-Stempel auf dem Münchner Kennzeichen ist längst verblichen. Alljährlich fliegt Wolfgang nun mit gepackten Koffern für ein paar Monate nach Afrika.

Aber man trifft auch Jäger und Sammler wie Thomas, die an über 50 meist halbfertigen Bullis gleichzeitig schrauben. Und dann natürlich die jungen Wilden, die lieber einen Monat lang Toastbrot essen würden, als auch nur einen Tag mit rostigem Schweller zu reisen. Das Forum wurde damals zu meiner Nachtlektüre. Schnell hatte ich mir im Geiste meine eigene Männerhandtasche mit Sprühöl, 10er Ringratsche und Zündkerzen für die traute Zweisamkeit gepackt. Kann ich mit meinen Touchpad-Händen einen Bulli-Oldtimer überhaupt pflegen? Ohne Expertenwissen und ohne mich in einer persönlichen Finanzkrise festzufahren?

Ich sehnte mich nach einem dritten Raum, der weder Arbeit noch Heim wäre. Einem Raum zum Basteln, Riechen, Tasten, Spüren, Schmieren, Träumen, Scheitern und Explodieren, Fühlen und Fummeln. Der Philosoph Matthew Crawford hat darüber einen Beststeller mit dem programmatischen Titel „Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen“ geschrieben.

Crawford wirbt darin für eine Arbeit, die sinnvoll ist, weil sie einen praktischen Nutzen hat. Er selbst lehrt übrigens einen Tag pro Woche Philosophie an der Universität von Virginia. Und die übrige Zeit? Schraubt er in seiner Werkstatt an Motorrädern. Als hätten es die Algorithmen für mich berechnet, tauchte in dieser Entscheidungsphase der Blogger Foster Huntington auf meinem Smartphone auf. Er hatte Wohnung und Job bei einer großen Werbeagentur in New York gekündigt und sich für drei Jahre in einem VW-Bus auf den Weg durch Nordamerika gemacht. Sein Leben bestand in dieser Zeit aus Karohemd, Lagerfeuer und den unmöglichsten Skate-Moves. Bei Instagram nutzte er 2011 als Erster das Hashtag #vanlife.

Täglich verlor ich mich auf seinem Blog „A Restless Transplant“. Ich verknallte mich einmal mehr in den Bus und darüber hinaus ins Abhauen, die Flucht aus dem Alltag. Auch wenn das Hashtag vielen Busnomaden bei Instagram lediglich zur Selbstinszenierung dient: Huntingtons #vanlife ist zum Vorbild einer Online-Bewegung geworden, die auch mich mitgenommen hat. Mein erster Kauf war allerdings ein voller Reinfall. Den maroden 1972er Bus hatte ich – mit ein paar Bieren intus – bei Ebay ersteigert. Seitdem beherzige ich das nüchterne Gebot des Bulli-Kaufs: Don’t drink and click.

Auch das zweite Angebot klang zunächst wenig verlockend: ein 1975er T2B Westfalia mit Pilzhubdach in Pastellweiß, betongrauem Rostschutzlack, ohne Motor, dafür mit diversen Durchrostungen. Auf der knirschenden Heckklappe lustige Aufkleber des Typs „Treffpunkt Tanzstudio Prasse“ oder „Ich bin scharf“. Statt des „Kaufen“-Buttons drückte ich dieses Mal die raue, ehrliche Werkstatthand von Uwe, dem Verkäufer. Mein zweiter Bulli wurde „Kotten“. Meine große Liebe.

Mit einer solchen Liebe dauert es in Hamburg nicht lange, bis man Bulli-Freunde findet. Die Camper mit den Surfbrettern auf dem Dach stehen in vielen Straßen, an der Ampel lächelt und winkt man sich zu, bald war ich Teil einer kleinen Bulli-Gang. „Kottens“ Garage, eine alte Hinterhof-Remise, wurde zu meinem dritten Raum. In dem alten Holzverschlag stehen fünf Busse, vier im gleichen Alter, nur einer mit Motor vorn. Vom Schrauben-Gerd bis zum Toastbrot-Wilden haben wir alle Typen und Typinnen dabei und viele weitere in einer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe. Wir teilen uns Werkzeug, Grube, Couch und Kühlschrank und rücken regelmäßig zu gemeinsamen Großstadtfluchten aus.

„Bin um neun an der Scheune am Schaalsee – jemand Bock?“ Das reicht als Ansage und Vorbereitung. Denn in den Bullis liegen unsere Zahnbürsten, Kopflampen und Schlafsäcke immer bereit. Vielleicht noch ein Kartenspiel. Oder etwas Brennholz. Einen Stellplatz finden wir immer bei irgendeinem Bauern, und dann machen wir den Huntington: Lagerfeuer an, Fisch drüber, Sterne gucken, klönen bis spät in die Nacht.

Natürlich funkelt nicht alles so wie auf Instagram. Unser Fisch ist nicht selbst gefangen, die Milch nicht von der Kuh gezapft, und irgendwann fängt es immer an zu regnen. Erst neulich musste uns ein Landwirt aus dem Schlamm ziehen. „Nächstes Mal campt ihr besser am Jungfernstieg“, sagte er zum Abschied.

Sei’s drum. Ich liebe es, in meiner Hinterhof-Remise verloren zu gehen. Auf der Autobahn trotz Rückenwinds von Lkw überholt werden. Von „Kotten“ immer wieder zum Fummeln gezwungen zu werden. Für ein Abenteuer wie dieses muss niemand seinen Job kündigen, nicht durch Amerika fahren und noch nicht mal bis nach St. Peter Ording. Mit „Kotten“ liegt das Abenteuer immer ganz in der Nähe, direkt vor der Bulli-Tür.

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